Aus tiefer Not schrei ich zu dir (Dachstein)

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Aus tieffer not schrey ich zu dyr,
Herr Gott, erhor meyn ruffen,
Deyn gnedig oren ker zu myr
und meyner bitt sie offen,
Denn so du willt das sehen an,
was sund und unrecht ist gethan,
wer kan, Herr, fur dyr bleyben ?
Herr, wie du willst, so schicks mit mir,
im Leben und im Sterben.
Allein zu dir steht mein' Begier ;
laß mich, Herr, nicht verderben.
Erhalt mich nur in deiner Huld ;
sonst, wie du willst ! Gib mir Geduld,
denn dein Will ist der beste.
       Martin Luther, 1483-1546, hier im Originaltext nach Wackernagel III,5 S. 7.        Kaspar Bienemann (oder Melissander), 1540-1591, hier nach dem GCAK Nr. 368,1.

Melodie : Wolfgang Dachstein 1524 (EG), cf. Zahn 4438. In älteren Quellen steht die Melodie meistens unter dem Titel "Straßburger Kirchenamt 1525", und wird die "Straßburger Melodie" genannt. In unseren elsässischen Quellen (vom 19. Jh.) finden wir sie zuerst im Mülhauser Gesangbuch 1818 unter einer sonderbaren, etwas vereinfachten, aber rhythmischen Form, zum Text O Gott, du Vater, Sohn und Geist (das Lied hat nur eine Strophe). Im Spitta-Gesangbuch (Wolf) wird sie als die normale Melodie zu Luthers Paraphrase des 130. Psalms betrachtet. Im GCAK (Ihme) wird dieses Lied auf die luther-waltersche Melodie gesungen (die entweder Martin Luther selbst, oder Johann Walter komponiert haben soll). Dort ist jedoch die Straßburger Melodie auch vorhanden, aber unter dem Namen Herr, wie du willst, so schick's mit mir. Auch das Lied Du Lebensbrot ist manchmal auf diese Melodie gesungen worden. Nach Fr. W. Bautz, im Kirchenlexikon s. v. Greiter, Matthäus (http://www.bautz.de/bbkl/g/greiter_m.shtml) wäre die Melodie nicht von Dachstein, sondern von seinem Freund Matthäus Greiter, und ihre norddeutsche Verwendung zum Lied Herr, wie du willst wäre erst später erfolgt. Greiter und Dachstein lebten beide in Straßburg. - S. die Liste der möglichen Parallelmelodien unter Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut, Strophenmuster

Hepp 1809 Mülhauser Gesangbuch 1818 Colmarer Sammlung Th. Stern Mülhausen 1865 Ihme 1875 Ihme 1888 Wolf 1899
  152     p. 72 81 p. 47 86 p. 59 13 p. 14
  G     G G G G

Ihme und Wolf geben hier ungefähr die gleiche Form der Melodie. Die Varianten betreffen das Ende (die vorletzte Silbe) der 5. und 6. Zeile. Das Mülhauser Choralbuch hat eine rhythmische, aber etwas verschiedene Version. Im Choral-Buch für die Erbauliche Lieder-Sammlung der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Gemeinen in Nord-Amerika, Philadelphia, Conrad Zentler und Georg Blake, 1813, wurde eine verflachte Form dieser Melodie gefunden, die vielleicht im Elsass auch gesungen worden ist.

Hören : Mülhauser Gesangbuch 1818 - Mülhausen 1865 - Ihme - Wolf - Philadelphia

Elsässische Choralmelodien