Eins ist not ; ach Herr, dies Eine [ursprüngliches Versmaß]

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Eins ist Noth ! ach, Herr, dies Eine
lehre mich erkennen doch;
alles Andre, wie's auch scheine,
ist ja nur ein schweres Joch,
darunter das Herze sich naget und plaget,
und dennoch kein wahres Vergnügen erjaget.
Erlang ich dies Eine, das Alles ersetzt,
so werd ich mit Einem in Allem ergötzt.
Zaget nicht, wenn Dunkelheiten
auf des Lebens Pfade ruhn.
Gott ist gut, er wird euch leiten ;
ihm ist's Freude, wohlzuthun.
Sind seine Gedanken nicht eure Gedanken,
laßt dennoch, ihr Christen ! den Glauben nicht wanken,
daß er, der des Wurmes im Staube gedenkt,
auch sorgsam und freundlich durch's Dunkel euch lenkt.
       Johann Heinrich Schröder (1667-1699), hier nach GCAK 1863 Nr. 265,1 (umgedichtete Version unter Nr. 264, S.208)        Unbekannter Dichter, hier im Text des Mülhauser Gesangbuchs 1818 Nr. 38,1. Auf der Website zum Gesangbuch der Neuapostolischen Kirche wird als Entstehungszeit des Lieds das "19. Jh." genannt, ohne weitere Bestimmung.

Melodie : Zahn (Nr. 7127) kennt noch als erstes Erscheinen dieser Melodie das Gesangbuch von Freylinghausen 1704. Im EG 1995 steht aber folgende Notiz : "Adam Krieger 1657 ; geistlich Joachim Neander 1680, Halle 1704". Auch bei Wolf wird auf Freylinghausen verwiesen. Ihme schreibt "(1680) 1704", und scheint Neanders Bundeslieder zu kennen. (Zahn kennt diese Sammlung natürlich auch ; die Melodie ist vielleicht darin unter einer deutlich verschiedenen Form). Stern verweist auf das "Choralbuch der Brüdergemeinde". Unter "Halle 1704" in der Notiz des EG ist das Gesangbuch von Freylinghausen zu verstehen. Der Komponist Adam Krieger (1634-1666) veröffentlichte diese Melodie (mit anderem Text) in der Sammlung Arien von einer, zwey und drey Vocal-Stimmen benebenst ihren Ritornellen. Die Version von Freylinghausen wird hier nach der Ausgabe von D.M. McMullen und W. Miersemann (Verlag der Franckeschen Stiftungen, Halle, 2004) geboten. Der Satz wurde nach Freylinghausens Generalbass ausgeschrieben.

Hepp 1809 Straßburg 1850 Colmarer Sammlung Th. Stern Ihme 1875 Ihme 1888 Wolf 1899
      p. 84 49 p. 27 52 p. 38 31 p. 32
      Es Es Es Es
Mülhauser Gesangbuch 1818 Nr. 38 (in Es, mit dem Text Zaget nicht, wenn Dunkelheiten).

Was das Lied Eins ist not betrifft, teilen sich die Gesangbücher in zwei Gruppen : die "rationalistisch" gefärbten Gesangbücher bieten eine umgedichtete Form des Textes, das es erlaubt, das Lied auf die Melodie von Alle Menschen müssen sterben zu singen ; spätere Gesangbücher kehren zum Originaltext zurück, der eine Melodie verlangt, dessen zweiter Teil im Dreiertakt ist. Eben diese Eigenschaft des Originaltextes ist wahrscheinlich in der ersten Hälfte des 19. Jh. (und auch schon im Colmarischen Gesangbuch 1781) nicht "würdig" genug gefunden worden. Allerdings steht im Mülhauser Gesangbuch 1818 die Originalform der Melodie (zum Text Zaget nicht, wenn Dunkelheiten), ohne Taktangabe und ohne Taktstriche. Den Übergang zwischen der rationalistischen Tradition und der Rückkehr zum Original wird vom GCAK gut illustriert : das GCAK "Alt" (1863/1873) bietet unter Nr. 264 die umgedichtete Version, unter Nr. 265 das Original. Am Ende des Originaltextes steht folgende Notiz : "Originalfassung des Liedes ; im Elsaß, immer in voranstehender Veränderung der Melodie : «Alle Menschen müssen sterben», seit 1732 angepaßt". Am Ende des umgedichteten Texts steht der Vermerk "Elsäßischer Gesangbuchstext".- Bei Stern erscheint die Originalmelodie erst im Anhang der 2. Ausgabe, denn das Lied steht im Conferenz-Gesangbuch in der umgedichteten Fassung. Es ist also anzunehmen, dass sich in manchen Gemeinden nach 1850 der Originaltext mit der Melodie von (oder nach) Adam Krieger eingebürgert hatte.

Hören : Freylinghausen 1708 (in F) - Stern 1869