Herzlich tut mich verlangen / O Haupt voll Blut und Wunden

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Herzlich thut mich verlangen
nach einem selgen End,
weil ich hie bin umfangen
mit Trübsal und Elend.
Ich hab Lust abzuscheiden
von dieser argen Welt,
sehn mich nach ewger Freuden ;
O Jesu, komm nur bald !
O Haupt, voll Blut und Wunden,
voll Schmerz und voller Hohn !
O Haupt, zum Spott gebunden
mit einer Dornen-Kron !
O Haupt, sonst schön gekrönet
mit höchster Ehr und Zier,
jetzt aber höchst verhöhnet,
gegrüsset seyst du mir !
Der du, voll Blut und Wunden,
für uns am Kreuze starbst,
und unsern letzten Stunden
den größten Trost erwarbst ;
der du dein theures Leben,
noch eh ich war, auch mir
zur Rettung hingegeben
mein Heil ! wie dank ich dir ?
       Christoph Knoll, 1563-1630 (1599) (cf. EG Nr. 85), hier im Text von Zahn Nr. 5385a.        (nach) Paul Gerhardt, 1607-1676 (1656), hier im Text des Colmarischen Gesangbuchs Nr. 63,1.        Das gleiche Lied, hier im gänzlich umgearbeiteten Text des Straßburger Gesangbuchs 1808 Nr. 59,1.

Melodie : Ursprünglich Herzlich tut mich verlangen (wieder im EG, Nr. 684). Die Melodie ist (EG Nr. 85) von Hans Leo Hassler, 1564-1612 (1601) für ein Liebeslied komponiert worden, wurde dann mit einem geistlichen Text zuerst für Herzlich tut mich verlangen verwendet, s. Zahn 5385. Wie andere Melodien wurde die rhythmische Originalform später vereinfacht gesungen. Bis Stern nur die vereinfachte Form, nachher Wahl zwischen rhythmischer und vereinfachter Form. Mehrere Varianten. - Die Parallelmelodien zum entsprechenden Strophenmuster werden unter Valet will ich dir geben, Übersicht genannt. Ihme 1888 bietet eine Melodie unter dem Namen der vorletzten Strophe von O Haupt voll Blut und Wunden, nämlich Wenn ich einmal soll scheiden.

Hepp 1809 Straßburg 1850 Colmarer Sammlung Th. Stern Ihme 1875 Ihme 1888 Wolf 1899
p. 9 5 7 p. 11 83 p. 48 88-89 p. 61 & Z.II & III p. 256 54 p. 56 & 55 p. 57
Es Es Es D C / a moll C / a moll
- D / h moll
C / a moll
Mülhauser Gesangbuch 1818 Nr. 107 Der du voll Blut und Wunden

Bis Stern wird nur eine vereinfachte Form geboten (S. unten zur 1. Ausgabe des Choralbuchs). Die der Colmarer Sammlung ist hier mit dem Satz Sterns zu hören. Ihme 1875 bietet nur die rhythmische Form ("phrygisch", s. u.), während Ihme 1888 gleich vier Versionen enthält : die rhythmische Form "ionisch", dann "phrygisch", und in der "Zugabe" von Chorälen aus Sterns Choralbuch die vereinfachte Form unter dem Namen Befiehl du deine Wege ebenfalls "ionisch" und dann "phrygisch". Wolf gibt ("phrygisch") zuerst die vereinfachte, dann die rhythmische Form. Wenn die Melodie "ionisch" gesetzt wird, erscheint der Schlussakkord als ein Dur-Akkord auf der Terz. Wenn sie "phrygisch" gesetzt ist, erscheint der Schlussakkord auf der Dominante der entsprechenden moll-Tonleiter. D.h. bei Wolf, wo die Schlussnote ein E ist, wäre der Schlussakkord "ionisch" ein C-Akkord, "phrygisch" ein E-Akkord. In diesem Sinn sind die Choralbücher bis Stern "ionisch" gesetzt. - Im Einzelnen finden wir in jedem Gesangbuch oder in jedem Choralbuch einige Varianten. Drum sind hier sechs Vertonungen geboten worden.
Die 1. Ausgabe von Th. Sterns Choralbuch (1851) enthält unter dem Namen Befiehl du deine Wege die Melodien A, B und C ; B und C sind jedoch zwei Formen der Melodie von Herzlich tut mich verlangen. Die Form C verschwindet aus der 2. Ausgabe 1869. Sie war zwar rhythmisch "ausgeglichen" (vereinfacht), aber sonst der Originalmelodie näher als die Form B (die Angaben von Stern 1869 könnten das Gegenteil vermiuten lassen). Bei Wolf ist die vereinfachte Form der Melodie mit der Form C von Stern-Berg fast identisch.

Hören : Hepp - Sammlung (mit Satz von Th. Stern) - Ihme 1875 - Wolf
Stern, 1. Ausgabe des Choralbuchs (S. 11), Befiehl du deine Wege, B
Stern, 1. Ausgabe des Choralbuchs (S. 12), Befiehl du deine Wege, C

Elsässische Choralmelodien