O Gott, du frommer Gott

6-6an-6-6an-6-6b-6-6b oder 12an-12an-12b-12b

O Gott, du frommer Gott,
du Brunnquell aller Gaben,
ohn den nichts ist, was ist,
von dem wir alles haben,
gesunden Leib gieb mir,
und daß in solchem Leib
ein unverletzte Seel
und rein Gewissen bleib.

O Gott, du frommer Gott !
du Quelle guter Gaben,
durch welchen alles ist,
von dem wir alles haben !
gesunden Leib gib mir,
doch gib, Herr, daß dabey
auch meine Seele fromm,
rein mein Gewissen sey.

       Johann Heermannn, 1585-1647, hier nach dem Colmarischen Gesangbuch 1781, Nr. 269,1.
Derselbe Text, in der "verbesserten" Fassung des Straßburger Gesangbuchs 1808 Nr. 197,1.

Melodie : "Regensburg 1675" (EG) - "im Gesangbuch Meiningen 1693" (Wolf), s. Zahn Nr. 5148. Bei Stern/Berg 1851 steht diese Melodie p. 48 als "O Gott du frommer Gott B." (nach der Melodie von Nun danket alle Gott, die O Gott, du frommer Gott A genannt wird). In der 2. Ausgabe 1869 verschwindet sie. Alle anderen Quellen bieten sie, allerdings in ziemlich verschiedenen Formen. Bei Zahn erfahren wir, dass die Melodie wahrscheinlich, wenn auch stückweise, von Hieronymus Kradenthaller aus Regensburg (1637-1700) sei, der die meisten Melodien eines Psalters des Freiherrn von Hohenberg (wahrscheinlich Karl Siegmund, Fr. v. H., gestorben 1678) komponiert habe. Sämtliche Psalmen darin seien auf das gleiche Strophenmuster aufgebaut, und die verschiedenen Teile der Melodie erscheinen jeweils in den Psalmen 16, 33, 44, 51 und 135. Die Melodie sei zuerst im Meininger Gesangbuch1693 erschienen, habe sich dann aber gleich in verschiedenen Varianten verbreitet.

Hepp 1809 Straßburg 1850 Colmarer Sammlung Th. Stern Mülhausen 1865 Ihme 1875 Ihme 1888 Wolf 1899
p. 29 21 15   p. 63 157 p. 92 166 p. 106 103 p. 110
G G F   F F F F
Mülhauser Gesangbuch 1818 Nr. 295 (in G)

Das Mülhauser Choralbuch hat, vom Weglassen einer Übergangsnote abgesehen, die gleiche Melodie wie das Hepp-Choralbuch. Das Mülhauser Gesangbuch 1818 übernimmt genau die Melodie des Hepp-Choralbuchs. Die der Colmarer Sammlung wird hier mit einem Satz gegeben, der sich an den von J. Wolf anlehnt. Merkwürdigerweise ändert hier diese Sammlung nicht nur die Tonlage gegenüber dem Straßburger Choralbuch, auch die Melodie selbst ist ziemlich verschieden. Die Parallelmelodien, die auf das gleiche Strophenmuster aufgebaut sind, sind :
Nun danket alle Gott
Gott woll uns gnädig sein
Ach Gott, verlass mich nicht
Letztere Melodie wird bei J.S. Bach zum Text O Gott, du frommer Gott verwendet. Dieses Strophenmuster steht bei Zahn (achtzeilig, jambisch) unter dem Titel "Der Alexandriner", und geht von Nr. 5136 bis Nr. 5198 (s. außerdem die Nummern 1072-1073 und 8774). Der Name "Alexandriner" kommt daher, dass es auch vierzeilig verstanden werden kann, mit zwei Zeilen, die mit einer unbetonten Silbe enden und miteinander reimen, gefolgt von zwei anderen, ohne unbetonte Endsilbe, die auch miteinander reimen. Jede dieser Zeilen beträgt 12 Silben, die unbetonten Endsilben ausgeschlossen. Der so verstandene "Alexandriner" wurde zuerst in einem mittelalterlichen französischen Epos "Alexandre" verwendet, und ist in der klassischen französischen Poesie das vorherrschende Versmaß gewesen. In den bekanntesten Chorälen, die diese Melodie benutzen, sind die ungeraden Zeilen reimlos, was die vierzeilige Auffassung des Strophenmusters unterstützt.
Die Varianten der Melodie werden u.a. dadurch veranschaulicht, dass im Exemplar des Hepp-Herrenschneider-Choralbuchs, das in der Münchener Staatsbibliothek aufbewahrt wird, von Hand an vielen Stellen abweichende Formen der Melodie vorgeführt werden. (Auf dem Internet nur "Ober- und Niederrheins" suchen, dann Seite 29).

Hören : Meiningen 1693 (nach Zahn) ohne Begleitung. - Hanauisches Gesangbuch 1707 (Nr. 261, in F) - Hepp - Sammlung - Ihme 1875 - Wolf

Elsässische Choralmelodien