O Welt, ich muss dich lassen

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O Welt ! ich muß dich lassen /
Ich fahr dahin mein strassen /
Ins ewig vatterland :
Mein'n geist will ich auffgeben /
Darzu mein'n leib und leben
Setzen in GOttes gnädig hand.
Nun ruhet in den Wäldern,
in Städten und in Feldern
ein Theil der müden Welt.
Erhebet euch, Gedanken !
erhebt euch, dem zu danken,
dem Dank des Herzens wohlgefällt.
In allen meinen Thaten
laß ich den Höchsten rahten,
der alles kan und hat ;
er muß zu allen Dingen,
sols anders wol gelingen,
selbst geben [guten] Raht und That.
       "Nürnberg um 1555" (EG Nr. 521).Wackernagel (III, Nr. 1140) schreibt das Lied einem Johannes Hesse zu. Bei Bautz (BBKL) ist aber nur ein Johannes Hesse vom 16. Jh. zu finden, der in Breslau lebte, während dieses Lied in Nürnberg erschienen ist. Der Dichter muss also als unbekannt betrachtet werden. Hier die 1. Strophe im Wortlaut des Colmarischen Lobopfers von 1722 (Nr. 647), die sich vom Originaltext wenig unterscheidet.        Paul Gerhardt, 1607-1676 (1647), hier zitiert nach dem Straßburger Gesangbuch 1808 Nr. 401,1. Diese "verbesserte" Fassung ist im 19. Jh. sehr verbreitet gewesen. Der sonderbare Ausdruck "ein Teil der müden Welt" sollte zeigen, dass man wusste, die Antipoden schlafen nicht zu gleicher Zeit wie wir.        Paul Fleming (1609-1640), hier zitiert nach Fischer & Tümpel I, 489 S. 434. Das Wort "guten" in der letzten Zeile wurde im Mülhauser Choralbuch eingefügt, um die Zeile auf 8 Silben zu erweitern.

Melodie : "15. Jh., Heinrich Isaac «Innsbruck, ich muss dich lassen» (um 1495) 1539; geistlich 1505" (EG) (O Welt, ich muss dich lassen), s. Zahn 2293. Die Melodie ist vor allem durch das Lied Nun ruhen alle Wälder bekannt. Schon im Hanauischen Gesangbuch 1707 (Nr. 21) erscheint diese Melodie (eben mit dem Text Nun ruhen alle Wälder) in der später allgemein verbreiteten vereinfachten Form. Das Strophenmuster findet sich wieder in der Melodie zu O Welt, sieh hier dein Leben und der hier nicht aufgeführten Melodie des Claudius-Lieds Der Mond ist aufgegangen. Wackernagel (unter O Welt, ich muss dich lassen) nimmt an, die letzte Zeile sei ursprünglich sechssilbig gewesen (wie die dritte).

Hepp 1809 Straßburg 1850 Colmarer Sammlung Th. Stern Mülhausen 1865 Ihme 1875 Ihme 1888 Wolf 1899
p. 63 49 54 p. 36 p. 46 150 p. 88 157 p. 101 109 p. 116
A A A G G G F G
Mülhauser Gesangbuch 1818 Nr. 270 (in A).

In Hepp, Str1850 und der Colmarer Sammlung steht die Melodie unter dem Titel Nun ruhet in den Wäldern ; Stern findet zum Originaltext Nun ruhen alle Wälder zurück. Ihme schreibt "Nun ruhen alle Wälder (Urspr. O Welt, ich muß dich lassen)". Bei Wolf steht die Melodie unter O Welt, ich muß dich lassen, mit dem Untertitel (in Klammern) "Nun ruhen alle Wälder". Bei Stern stand aber der Titel unter der Form "In allen meinen Thaten, oder: Nun ruhen alle Wälder". Auch das Mülhauser Choralbuch nennt die Melodie In allen meinen Thaten und setzt jenen Text zwischen die Zeilen. Der Text "In allen meinen Thaten" steht auch bei Wolf zwischen den Zeilen. Er hat im Originaltext eine letzte Zeile von nur 6 Silben, die in den meisten Gesangbüchern (nicht bei Spitta) auf 8 Silben erweitert wurde. Bis Stern wird nur die rhythmisch vereinheitlichte Form geboten, mit Verzierungen (bei Stern etwas weniger als zuvor). In der Colmarer Sammlung und im Mülhauser Gesangbuch 1818 sind die vorletzten Noten der Zeilen 2 und 5 kurz. Das Mülhauser Choralbuch bietet eine merkwürdige Zwitterform einer rhythmischen Melodie mit Abänderungen, die durch die nicht-rhythmische Form eingeführt worden waren. Wolf bietet eine schlichte, aber rhythmisch vereinheitlichte Form (keine Rückkehr zum rhythmischen Original).

Hören : Hanauisches Gesangbuch 1707 - Hepp - Sammlung (mit dem Satz von Th. Stern)
- Mülhausen 1818 - Mülhausen 1865 - Ihme 1875 - Wolf

Elsässische Choralmelodien