Wenn mein Stündlein vorhanden ist

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Wenn mein Stündlein vorhanden ist,
und ich fahr meine Strasse,
geleite mich, Herr Jesu Christ,
mit Hilf mich nicht verlasse :
den Geist an meinem letzten End
befehl ich, Herr, in deine Händ ;
du wirst ihn wohl bewahren.
Wann meine Zeit vorhanden ist,
zu geh'n des Todes Straße,
begleit' du mich, Herr Jesu Christ !
Mit Hülf' mich nicht verlasse.
Die Seel' an meinem Lebensend'
ich dir befehl' in deine Händ';
du wirst sie wohl bewahren.

       Nikolaus Herman, 1500-1561 (1560), links in der ziemlich getreuen Fassung des Colmarischen Gesangbuchs 1781, Nr. 346,1, rechts in der überarbeiteten Version des Mülhauser Gesangbuchs 1818 Nr. 190,1.

Melodie : Frankfurt am Main 1569 (EG). S. Zahn Nr. 4482a und Quellen Nr. 177, wo wir erfahren, dass die 1569 in einem von Johannes Wolff zusammengestellten Gesangbuch erschienene Melodie erst in später erschienenen Sammlungen, z.B. bei Crüger (zu den Texten Herr Jesu Christ, ich weiß gar wohl und Ach Gott ich muss in Traurigkeit) diese Form bekommen hat. Das französische Straßburger Gesangbuch (1758 und 1769) und das Mülhauser Gesangbuch (1818) zeigen,dass sie trotz ihres Fehlens in den Choralbüchern am Anfang des 19. Jh. im Elsass bekannt geblieben ist, wenngleich unter mehreren Abarten.

Hepp 1809 Mülhauser Gesangbuch 1818 Colmarer Sammlung Th. Stern Ihme 1875 Ihme 1888 Wolf 1899
  190 & 432     198 p. 116 213 p. 134 132 p. 140
  F & G     G G F

Dies ist die einzige Melodie zu diesem Text bei Wolf. Ihme gibt sie als zweite, nach der "Straßburger" Melodie. Die möglichen Parallelmelodien werden auf der Seite Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut (Strophenmuster) aufgezählt. In alten Choralbüchern (bis Th. Stern) tritt auch unter dem Namen Wenn mein Stündlein gekommen ist oder Wenn einst mein sterbend Auge bricht die Melodie auf, die hier unter dem Titel Herr Jesu Christ, du höchstes Gut zu finden ist. - Dies ist ein besonderer Fall, wo die gleiche Melodie im Mülhauser Gesangbuch 1818 zweimal steht, zuerst in F und dann in G, mit folgenden Varianten : von der zweiten bis zur letzten Zeile ist in Lied 432 (Hast du denn ganz dein Angesicht, o Herr ! vor uns verborgen ?) die erste Silbe kurz, während sie in Lied 190 lang ist ; in den Zeilen 2, 4 und 7 ist dazu die vorletzte Silbe in Lied 432 auch kurz. Die Melodie ist sonst in beiden Liedern die gleiche. Wir wissen durch das Colmarer Melodienheft, dass es am Anfang des 19. Jh. eine Tendenz gegeben hat, die vorletzten Silben in Zeilen mit unbetonten Endsilben zu verkürzen. Hier also ein Beispiel davon, wie die gleiche Melodie so verändert worden ist, und daneben auch unverändert behalten wurde.

Hören : Frz. Gesangbuch Straßburg 1758/1769 (in G) - Mülhauser Gesangbuch 1818 (Nr. 190) - Mülhauser Gesangbuch 1818 (Nr. 432) - Wolf 1899