Einleitung auf Deutsch Introduction en français


Colmarisches Lobopfer,
Page de titre et dédicace de l'édition de 1722 - Exemplaire du Titelblatt und Zueignung der Ausgabe von 1722 - Exemplar des
Collegium Wilhelmitanum / Médiathèque protestante (Strasbourg).



Vorrede


Andächtiger lieber Leser !


Die geistliche Dicht- und Sing-Kunst / zu gottseliger Erbauung eingerichtet / GOttes Lob und Ehre und der Menschen Heyl und Seligkeit dadurch zu befördern / ist schon sehr alt. Inmassen wir in der H. Schrifft / so wol alten als neuen Testamentes / gar viele Befehle zu H. Gebrauch derselben / neben vielen Exempeln andächtiger Dichter und Sänger / antreffen. Der geistreiche Königliche Prophet David / lieblich mit Psalmen Israel / durch den der Geist des HErrn geredet / und durch dessen Zunge seine Rede geschehen / 2. B. Sam. 23. V. 1. 2. hat (daß wir jetzt allein etliche desselben Zeugnusse auß dem alten Testament anführen) auff Eingebung und Befehl GOttes / in seinem Psalter-Buch viele nachdruckliche Vermahnungen zu GOtt-geheiligten Lob-Opffern / durch geistliche Gesänge zu verrichten / gethan. Dann nachdem er die Anmuth und Nutzbarkeit derselben Psalm 92. v. 1.2. sehr gerühmet / und gesprochen : Das ist ein köstlich Ding dem HErrn dancken / und lobsingen deinem Namen / du Höchster : des Morgens deine Gnade / und des Nachts deine Warheit verkündigen ; So hat er jederman darzu ermuntern wollen / wann er Ps. 96. v. 1.2. gesaget : Singet dem HErrn ein neues Lied / singet dem HErrn alle Welt. Singet dem HErrn / und lobet seinen Namen / prediget einen Tag am andern sein Heyl. Welches er auch Ps. 98. unter anderen mit diesen Worten v. 1. und 4. wiederholet hat : Singet dem HErrn ein neues Lied / denn er thut wunder. Jauchzet dem HErrn alle Welt / singet / rühmet und lobet. Eben dieses erforderet er auch Ps. 149. v. 1. da er sich also vernehmen lässet : Singet dem HErrn ein neues Lied / die [p. ii] Gemeine der Heiligen soll ihn loben. Und endlich beschliesset er sein gantzes Psalter-Buch Ps. 150. v. 6. also : Alles / was Odem hat / lobe den HErrn. Halleluja.

inmassen

andächtig

lieblich

   

Zeugnis

dann

einen Tag

Damit aber die Christen nicht meinen möchten / Es hätte solches Lob-Opffer mit singen allein zu dem Levitischen GOttes-Dienst des alten Testamentes gehöret / und gienge sie nunmehro / nach desselben Abschaffung / in dem neuen Testament / nichts mehr an ; Sihe / so haben gleichfalls die Heiligen Apostel unsers HErrn und Heylandes JEsu Christi gantzen Gemeinen / ja allen Christen ins gesa t / die geistliche und gottselige Lob-Gesänge anbefohlen. Paulus hat deßwegen diese Vermahnung gestellet Esphes.v.18.19.20. Werdet voll Geistes : und redet unter einander von Psalmen und Lob-Gesängen und geistlichen Liedern / singet und spielet dem HErrn in eurem Hertzen ; Und saget Danck allezeit für alles / GOtt und dem Vatter in dem Namen unsers HErrn JEsu Christi. Und Col.3. v. 16. 17. Lasset das Wort Christi unter euch reichlich wohnen / in aller Weißheit : Lehret und vermahnet euch selbst mit Psalmen u   Lobgesängen / und geistlichen lieblichen Liedern / und singet dem HErrn in eurem Hertzen. Und alles / was ihr thut / mit Worten oder mit Wercken / das thut alles in dem Namen des HErrn JEsu / und dancket GOtt und dem Vatter durch ihn. Damit stimmet über ein die Vermahnung Jacobi Cap. 5 v. 13. Leidet jemand unter euch / der bette ; ist jemand gutes Muths / der singe Psalmen.

bette

Von der sonderbaren Vortrefflichkeit des geistlichen Lob-Opffers durch GOtt-geheilgte Lieder ist / neben den angeführten deutlichen Prophetischen und Apostolischen Vermahnungen / ein sehr kräftiges Zeugnuß / daß dasselbe auch in dem Hi el / und in dem ewigen Leben / von den H. Engeln und seligen Außerwehlten / vor dem Thron der göttlichen Majestät / unauffhörlich verrichtet wird. Wie dann nicht allein der Apostel Paulus bezeuget / daß / als er entzucket ward biß in den dritten Himmel / oder in das Paradieß / er unaußsprechliche Worte gehöret / welche kein Mensch sagen kö e. 2. Cor.12. v. 2.3.4. Sondern auch der liebe Schoß-Jünger deß Sohnes GOttes / Johannes / solches in seiner hi - [p.iii] lischen Offenbahrung vielmahlen erfahren und bestätiget hat. Also schreibet er zum Exempel Cap. 19. v. 1. Daß er gehöret eine Stimme grosser Schaaren im Himmel / die sprachen : Halleluja ! Heyl und Preiß / Ehre und Krafft sey GOtt unserm HErrn. Und daß dergleichen Lob-Lieder sonderlich die H. Engel anzusti en pflegen / kan niemand unbekandt seyn / deme die H. Schrifft nur ein wenig bekandt ist. Also wissen ja auch die Einfältigste / daß der Prophet Esaias / da er sahe den HErrn sitzen auff einem hohen und erhabenen Stul / auch hörete die Seraphin einander zuruffen : Heilig / Heilig / Heilig ist der HErr Zebaoth / alle Lande sind seiner Ehren voll. Wie in desselben Weissagung C. 1. v. 1.2.3. zu lesen. Welches gleichfalls der H. Johannes gesehen und gehöret hat / nach seinem Bericht Offenb. C.4. Ja es kö en auch unsere kleine Kinder davon sagen / wie gleich nach der Geburt des liebsten Heylandes JEsu Christi die Menge der himmlischen Heerschaaren gewesen bey dem Engel des HErrn / welcher dieselbe den Hirten auff dem Felde verkündigte / und GOtt gelobet / und gesprochen haben : Ehre sey GOtt in der Höhe / und Friede auff Erden / und den Menschen ein Wolgefallen. Wie Lucas C. 2. v.13.14. solche Engelische Music beschreibet.

   

sonderbar

H. engel

entzucket

Schoßjünger

Offenbarung

   

   

einfältig

   

   

   

   

Engelisch

Was ist dann Wunder / Gottseliger Leser ! daß diesem herrlichen Exempel der triumphirenden Kirchen / in Darbringung der geistlichen Lob-Opffer durch GOttgeheiligte Gesänge / nachfolgen sollen die glaubige Menschen in der streitenden Kirchen hier auff Erden ? Ja / was ist dann Wunder / daß die vortrefflichste GOttes-Männer ( gottseliges Frauen-Zimmer nicht außgeschlossen ) vor uhralten Zeiten / neben andern heiligen Verrichtungen / viel erbauliche geistliche Lieder / durch den Trieb des H. Geistes / auffgesetzet / GOtt gewidmet / abgesungen / und auch andern zum andächtigen Gebrauch vorgeleget haben ? Ich will eben nicht mit den Jüdischen Rabbinen behaupten / daß schon Adam / der erste Mensch / den 92. Psalm gedichtet / auffgeschrieben und gesungen ; Doch ist wol zu glauben /daß derselbe mit den Seinigen / wie auch andere fromme Patriarchen vor der Sündfluth / GOtt den HErrn mit geistli-[p. iv] chen Liedern werden gelobet haben. Dergleich   wird ohne Zweiffel auch nach der Sündfluth von Noah und seinen frommen Kindern und Nachkö lingen fleissig geschehen seyn. Und dieses ist um so viel mehr vor gläublich zu halten / weil schon zur Zeit Mosis / des grossen Fürsten und Propheten in Israel / das Dichten und Singen der GOtt-gewidmeten Lieder sehr üblich gewesen. Wie dann nicht allein zwey vortreffliche Lob-Lieder Mosis 2. B. 15. und 5. B. 32. auffgezeichnet stehen / sondern es schreibet ihme auch der H. Geist in dem Psalter-Buch Davids den 90. Psalm zu / indem dieser in der Uberschrifft außdrucklich genennet wird : Ein Gebett Mose / des Mannes GOttes. Ja desselben Schwester / Mirjam / die Prophetin / hat / nach der mächtigen Außführung deß Israelitischen Volckes auß der Egyptischen Dienstbarkeit / den andern Weibern ein schönes Lob- und Danck-Lied fürgesungen / wie 2.B. Mos. 15. v. 20.21. gemeldet wird.

triumphierend

   

Frauenzimmer

absingen

   

   

   

gläublich

Mosis

2.B., 5. B.

   

   

Mirjam

fürgesungen

Wenden wir unsere Gedancken weiter auff die Israelitische Könige / welche bey 500. Jahr später gelebet haben / so finden wir in H. Schrifft so viele Meldung von Davids und seines Sohns Salomons gottseliger Bemühung in Auffsetzung / Einführung und Anstimmung sehr vieler vortrefflichen Lieder / daß wir uns nicht genug darüber verwundern können. Wem ist wol unbekandt das noch niemahlen nach Würden genug gepriesene unvergleichliche Psalter-Buch des GOtt-ergebenen Königes Davids ? Wer weiß nicht von dem so Geist- als Lehr-reichen Hohen-Lied / oder geistlichen Braut-Lied / seines Sohnes / des weisesten Königes Salomons ? von dem auch etliche Psalmen in dem Buch seines gottseligen Vatters / als da ist der 72. und 127. zu finden. Wer solte nur die historische Bücher A.T. gelesen haben/ und sich nicht in heiliger Verwunderung erinneren der so sorgfältigen und höchstrühmlichen Veranstaltung / welche gedachte beyde Könige / in Bestellung gar vieler vortrefflichen Sänger und Gesänge bey dem offentlichen GOttes-Dienst gemacht haben ? Mit Warheit hat demnach der weise Hauß- und Sitten-Lehrer Syrach dem in der Gottseligkeit so eifferigen König und Propheten David folgendes Lob nachgeschrieben : Vor ein jegliches Werck danckte er dem Heiligen / dem [p. v] Höchsten mit einem schönen Liede. Er sang von gantzem Hertzen / und liebete den / der ihn gemacht hatte. Er stifftete Sänger bey dem Altar / und ließ sie seine süsse Lieder singen. Und ordnete die Feyrtage herrlich zu halten / und daß man die Jahrfeste durchs gantze Jahr schön begehen solte / mit loben den Namen des HErren / und mit singen des Morgens im Heiligthum. Und bald darauff hat er zum Ruhm seines hochweisen Sohnes Salomons gemeldet : Alle Lande verwunderten sich deiner Lieder / Sprüche / Gleichniß und Außlegung / und lobeten den HErrn / der da heißt der GOtt Israel. Wie alles dieses zu lesen. Syr. C. 47. v. 9-12 und v. 18.19. Es solte aber auch dasselbe billich geschehen. Dann Salomo war weiser / denn alle Menschen / auch weiser denn die Dichter / Ethan der Esrahiter / Heman / Chalchal und Darda. Und war berühmet unter allen Heyden umher. Und er redete drey tausend Sprüche / und seiner Lieder waren tausend und fünff. Wie 1. Kön. 4/ 31.32. gerühmet wird. Also findet man auch von den vortrefflichen Königlichen Sängern Davids in der H. Schrifft / daß dieselbe gleichfalls schöne geistliche Lieder gedichtet und auffgesetzet haben. Dem Asaph wird zum Exempel unter den Psalmen Davids / laut der Uberschrifften / der 50. 73. biß 83. Psalm / dem Heman der 88. und dem Ethan der 89. zugeeignet.

   

in H. Schrift

   

   

   

als da ist

   

   

Syrach

   

   

   

   

   

Etan usw.

Gehen wir mit unsern Gedancken weiter fort auff die Zeiten der nachfolgenden heiligen Propheten / welche erst über 200. Jahr hernach gelebet haben / so finden wir genugsame Zeugnusse / daß auch damalen die geistlichen Lieder sehr üblich gewesen. So lesen wir zum Exempel bey Esaja Cap. 5. v. 1 ein Lied seines Vettern / nemlich des HErren Messiä / der auß seinem Geschlecht / dem Fleische nach / entsprossen / welches er seinem Lieben von dessen Weinberge gesungen hat. Daß zu der Zeit dieses Propheten die geistlichen Lieder auch bey dem offentlichen GOttes-Dienst im Gebrauch gewesen / erhellet auß dem Gelübde des krancken Königes Hißkiä / wann er gesagt : HErr / hilff mir / so wollen wir meine Lieder singen / so lange wir leben / im Hauße des HErrn. Esa. 58. v.20. Deßgleichen gedencket auch der Prophet [p. vi] Amos etliche mal der Lieder / welche zu seiner Zeit bey den Juden gemein waren / sonderlich aber auch der Lieder in der Kirchen Cap. 8 v. 3. Also / gleichwie die Klag-Lieder des Propheten Jeremiä / welcher bey 140. Jahr nach jenen geweissaget hat / jederman bekandt sind / so kan auch niemand unbekandt seyn / daß noch zur Zeit der Babylonischen Gefängnuß die geistlichen Lieder bey den Juden in gemeinem Gebrauch gewesen. Um grosse Weitläuffigkeit zu vermeiden / wollen wir / Andächtiger Leser ! in der Historie des alten Testamentes weiter nicht fort gehen. Ich sage nur noch kürtzlich / was Syrach / da er sich fürgenommen die berühmte Leuthe und Vätter desselben nacheinander zu loben / unter andern von ihnen meldet Cap. 44. v. 5. Sie haben Musicam gelernet / und geistliche Lieder gedichtet.

kürzlich
Musicam

   

   

Wir wenden uns nun auß dem alten Testament in das neue / und gleichwie wir oben die Apostolische Ermunterung zu gottseliger Anstimmung geistlicher lieblicher Lieder vernommen haben ; also wollen wir jetzt auch ein wenig sehen / wie fleissig die andächtige erste Christen derselben nachgekommen. Wie nun diese ihren HErrn und Heyland JEsum und dessen H. Apostel zu Fürgängern gehabt / als welche nach Genießung des Osterlammes einen Lobgesang gesungen / nach dem Bericht Matthäi C. 26. v. 30. Also haben sie auch nicht allein bey Verrichtung des GOttes-Dienstes / sondern auch zu Hauß und an andern Orten / sich sehr lassen angelegen seyn / ihrem GOtt und Heyland ihre geistliche Lob-Opffer der Hertzen und Lippen mit singen zu bringen. Das Exempel der Christlichen Gemeine zu Corintho ist genugsam zu vermercken aus ihrer 1. Epist. 14. Cap. da der Apostel Paulus v. 26. meldet : Daß / wann sie zusammen gekommen / so habe ein jeglicher Psalmen und Lieder gehabt und gesungen. Und daß diese Gewonheit und Ubung auch andere Christliche Gemeinen in nachfolgenden Zeiten gehabt und behalten haben / dessen sind bey den alten Kirchen-Lehrern sehr viele merckwürdige Zeugnusse zu finden. Ja die Heidnische Scribenten selbst geben dißfalls bedenckliche Nachricht. Wie dann z. Ex. Plinius Cæcilius Secundus Lib. X. Ep. 97. an den Römischen Kayser Trajanum von den Christen schreibet : Quod essent soliti stato die ante lucem [p. vii] convenire, carmenque Christo quasi Deo dicere secum invicem. Daß sie pflegten an einem gewissen Tag / nemlich an dem Heil. Sonntag / vor der Sonnen Auffgang zusammen zukommen / und Christo / als ihrem GOtt / miteinander ein Lob-Lied anzustien.

apostolisch

   

   

Fürgänger

   

   

1. Epistel

   

   

bedenklich
z. Ex.

Plinius

Es wird aber gemeiniglich dafür gehalten / es habe auch schon in dem ersten Jahrhundert nach Christi Geburt der Heil. Ignatius, ein recht Apostolischer Lehrer / und geweßter Jünger des H. Evangelisten Johannis / zu erst die Gewonheit in die Kirche zu Antiochia / welcher Bischof er war / eingeführet / wechsels-weise zu singen / weil er eine Erscheinung der H. Engel gesehen / welche die H. Dreyeinigkeit auff solche Weise sollen gelobet haben ; wie Socrates erzehlet. Darum auch Justinus Martyr, welcher in dem 2. Seculo gelebet / in Beschreibung des Christlichen GOttes-Dienstes seiner Zeit unter andern sagt / daß sie Lieder gesungen haben. Tertullianus, welcher bald nach ihme gefolget / rühmet / wie die Christen damal ein ander gleichsam in die Wette gesungen / und spricht : Es erthönen unter zweyen Psalmen und Lob-Gesänge / und diese fordern einander heraus / welcher seinem GOtt am besten singen könne ? Und darauff sagt er : Wann Christus solchen Wettstreit im singen siehet und höret / hat er daran ein Wolgefallen. Darum hat auch Clemens Alexandrinus, der in dem Anfang des 3. Seculi gelehret / die Heyden ermahnet / sie solten ihnen das Lob des Wortes / das GOtt ist / mit singen helffen verkündigen. Es bezeuget deßwegen auch Eusebius von einem Bischoff in Egypten / Namens Nepos, welcher auch noch in dem 3. Seculo, und also vor ihme / in dem Leben gewesen / daß er ihn sehr lieb gehabt / wegen seiner mancherley Psalmen und Lieder/ die er verfertiget / und die biß auff seine Zeit die Christen in Egypten gerne gebraucht hätten. Also meldet auch Athanasius in dem 4. Seculo, daß / als ihn die Arianische Soldaten in der Kirche gefänglich wolten auffheben / so habe er ein Lobgesang lassen anstimmen.

   

geweßter
welcher

Socrates

   

Tertullianus
in die Wette

   

   

Clemens

Eusebius

   

Athanasius
aufheben
Lobgesang

Wie eifferig die Christen damalen in dem singen sich erwiesen / berichtet Hilarius, wann er spricht : Der Tag wird bey uns mit dem Gebett angefangen / und mit dem Gesang wiederum beschlossen. Ja es versichert Basilius M. daß [p. viii] sie auch in aller frühe vor Tag aufgestanden / sich in das Gottes-Hauß begeben / u   mit einem Munde und Hertzen dem HErrn ein Lob-Lied gesungen haben. Gleichen Sing-Eyffer der Christen in dem 5. Seculo rühmet auch Chrysostomus, wann er sagt : Es werden bey Nacht in der Kirchen / ja auch bey anbrechendem Tag allenthalben die Psalmen Davids im Anfang / Mittel und Ende abgesungen. Dann niemand wolle dafür halten / als ob die alte Christen nur in der Kirchen ihre Lieder angestimmet hätten / wie heutiges Tages von vielen sonst nirgend und niemahlen geschiehet ; sondern es ist aus der Kirchen-Historie genugsam bekandt / daß dieselbe auch in ihren Wohnhäußern und Werckstätten / auff ihren Aeckern und in ihren Wein-Gärten / ja in allerley andern Orten / zum Lobe GOttes fleissig gesungen haben. Unter vielen Zeugnussen dessen wollen wir nur eines von dem alten Kirchen-Lehrer Hieronymo vernehmen. Als dieser den Zustand des Geburt-Stättleins unsers Heylandes / Bethlehem / der Marcellæ wolte zu wissen machen / weil er allda selbst gewesen / und auß eigener Erfahrung gewissen Bericht davon hat ertheilen können / schrieb er an dieselbe unter andern also : In diesem Flecken unsers HErrn leben wir ohne alles Welt-Wesen / man höret allhier keinen Tumult noch Geschrey / wol aber Psalmen / und wo man nur die Ohren hinkehret / da höret man geistliche Lieder erschallen ; Der Ackersmann stimmet hinter seinem Pfluge ein Hallelujah an ; Die Arbeiter in der Erndte erfrischen sich bey der grossen Hitze mit Psalmen-singen ; Und der Weingärtner / wenn er seines Weinbergs pfleget / lässet des Davids Lob-Gesänge von sich hören.

Hilarius

Basilius

einem Munde

Chrysostomus

niemand wolle

   

   

Hieronymus

Marcella

Weil nun der Gebrauch geistlicher Lieder in der wahren Kirchen A. und N. Testamentes zu allen Zeiten und an allen Orten sehr gemein gewesen / und dadurch sowol das Lobe GOttes / als auch die Erbauung der Menschen / sehr befördert und vermehret worden / ja auch der vielfältige Göttliche Befehl dazu verbindet ; So hat sich auch fürnemlich unser sel. Lutherus fleissig und ernstlich lassen angelegen seyn / unsere Kirchen in Teutschland mit geistreichen und kernhafften Gesängern wol zu ver- [p. ix] sehen. Er hat deßwegen an statt der Lateinischen / welche die wenigste verstehen / Teutsche Psalmen / zu jedermansVerständnuß / Gebrauch und Erbauung / nach damahliger Redens-Art und Reim-Kunst / doch mit einem vortrefflichen Geist / auffgesetzet und an das Licht befördert. Weil aber nach den Psalmen Davids allein nicht alle Glaubens- und Sitten-Lehren so deutlich und vollkommlich können vorgestellet werden / als wann noch andere Schrifft-Stellen / sonderlich auß dem Neuen Testament / darzu genommen werden ; So hat der selige Mann neben denselben noch andere Geist- und Krafft-reiche Lieder / so den Glauben / als das Leben betreffend / aus GOttes Wort hergeleitet und außgefertiget. Gleichwie aber dieser theure Lehrer gewünschet / daß GOtt neben und nach ihm solche Leuthe erwecken wolle / welche die Anzahl der Christlichen Lieder und Lob-Gesänge mit einer recht auß dem Geist herfliessenden Krafft und Gabe vermehreten ; Also ist auch dasselbe von seiner Zeit an biß auff den heutigen Tag / durch GOttes Genade / vielfältig geschehen. Sintemal hohe und niedere / welt- und geistliche Personen beyderley Geschlechtes / insonderheit aber geistreiche und fromme Lehrer unserer Kirchen / von der Reformation an biß auff diese Zeit / gar sehr viele andere Lehr- Buß- Gebett- Danck- und Trost- Gesänge &c. nach dem Sinn des H. Geistes / durch dessen Erleuchtung und Beystand / gedichtet / verfertiget und der Christenheit bekandt gemacht haben.

   

verbindet

fürnemlich

Gesänger

damalig

Sitten

   

   

so... als

   

   

sintemal

welt- und

Dieses bedarff gar keines Beweißthums / weil die viele und manchfaltige Gesang-Bücher / welche jederman vor Augen ligen und in den Händen sind / ja die viele und manchfaltige schöne und erbauliche Lieder / welche offentlich und besonders pflegen abgesung zu werd   / ein gantz unzweiffelhafftes Zeugnus davon ablegen. Wie nun Evangelische Christen solches billich vor eine grosse Genade u   Wolthat GOttes zu erke en haben / also haben auch wir unsers Ortes eben dieselbe zu rühmen und zu preisen. In massen wir nicht allein mit vielen so wol in unserer Statt / als an andern Orten / verfertigten und gedruckten schönen und bequemen Gesang-Büchern von mancherley Form und Gestalt versehen sind / sondern auch die Freyheit und Gelegenheit haben / nach unsern und der Zeiten umständen / in der Kirche / in den Schulen / zu Hauß und anders wo mit den allervortrefflichsten / [p. x] geistlichen / lieblichen Liedern GOtt den HErrn zu loben / und uns selbst zu erbauen. Wann aber dieses würcklich geschehen soll / muß man dieselbe auch recht gebrauchen / sonsten würde man vergeblich die schönste und nutzlichste Bücher und Gesänge haben. Darum wolle der GOtt-liebende Leser noch einen kurtzen Unterricht vom rechten Gebrauch geistlicher Lieder vernehmen.

manchfaltig

   

besonders

inmassen

Wer ein Gesang auff GOtt-wolgefällige und erbauliche Art singen will / der muß sich dabey nothwendiglich / wie bey einem rechtschaffenen Gebett / bußfertig / glaubig und andächtig verhalten. Ohne wahre Buße kan dem heiligen und gerechten GOtt kein Dienst gefallen / folglich auch kein Gesang. Dann wer mit wissentlichen Sünden beflecket ist / und dieselbe auch weder zu hassen / noch zu lassen begehret / wie kan er doch mit seinen unreinen Lippen das allerheiligste Wesen / das GOtt ist / im Gesang recht anruffen und preisen ? Wie kan er doch mit seinem verkehrten und boßhafftigen Hertzen ein Buß-Lied recht absingen / und Vergebung seiner Sünden suchen / oder erlangen ? Würde er nicht vor dem allwissenden HErrn der grösten Vermessenheit und der gröbsten Heucheley sich schuldig machen ? Wie kan er dann auch der trostreichen Lehren und Verheissungen / welche er etwa / nach Beschaffenheit der Lieder / in dem Munde führet / sich annehmen / da er ja in seinem unbußfertigen Zustand vor dem heiligen und gerechten GOtt ein Greuel ist ? Darum muß dann ein GOtt-gefälliger Sänger seine sündliche Unart wol erkennen / und so wol seine ererbte / als würcklich begangene Sünden in grosser Traurigkeit und Demuth seines Hertzens immerdar bereuen / und nach der Genade GOttes in Christo JEsu recht begierig seyn / und also bußfertig singen.

   

   

   

   

   

annehmen

   

ererbte

Er muß es aber auch glaubig thun ; Weil ja ohne Glauben unmüglich ist GOtt zu gefallen / und also auch ein GOtt-wolgefälliges Lied anzustimmen. Da muß er nun zuvorderist eine genugsame Erkantnuß des wahren Christenthums haben / daß er alles recht verstehen möge / was in dem Lied / so er singet / enthalten ist. Dann sonsten würde es eben seyn / als wann er in einer fremden und ihm unbekandten Sprache singen wolte / als wodurch er weder Unterricht / noch Erinnerung / noch Vermahnung/ noch Trost empfangen / viel weniger / [p. xi] GOtt wissentlich und ernstlich um etwas bitten oder preisen könte. Hiernegst muß er auch von Hertzen für wahr halten alles / was er erkennet und singet / also / daß er eine göttliche und völlige Uberzeugung habe von alle dem / so in dem abgesungenen Lied enthalten / es betreffe nun GOttes Wesen / oder Eigenschafften / oder Willen / oder Wercke / oder Wolthaten / oder Heyl-Ordnung ; Oder aber seine eigene Christen-Pflichten. Ja er muß an alle dem / was er mit seinem Munde bekennet und singet / es gehe den Glauben oder das Leben an / wann es mur GOttes Wort gemäß ist / in seinem Hertzen gar nicht zweiffeln. Dann wie ein Zweiffler im Gebett GOtt so unangenehm ist / daß er von ihme nichts erlanget / nach dem Zeugnuß Jac. C. 1 v. 6.7. Also kan auch GOtt an einem / der selber zweiffelt an dem / was er mit seinem Munde außschreyet / kein Wolgefallen haben. Vornemlich aber muß ein rechtschaffener Sänger eine gewisse Zuversicht und vestes Vertrauen haben auff die Genade / Hülffe und Vorsehung GOttes / und sich dessen Liebe und Barmhertzigkeit / um unsers Heylandes Verdienstes willen / sicherlich getrösten / auff die göttliche Genaden-Verheissungen / welche er mit seinem Munde rühmet / in dem Hertzen sich beständig verlassen / und allen Trost / welchen er sich selber zuspricht / sich auch unaußnehmlich zueignen. Dann auff solche weise wird GOtt am höchsten geehret / indem ein bußfertiger und glaubiger Christ sich gantz und gar dem gnädigen Willen / der vätterlichen Barmhertzigkeit und der unermäßlichen Weißheit GOttes ergiebet / und damit bezeuget / wie er glaube und erfahre / daß es gut seye auff den HErrn vertrauen / und dem wol gehe / der sich auff GOtt verläßt. Wie David Ps. 118 v. 8.9. und Ps. 84 v. 13. versicheret.

   

zuvorderist
Erkantnuß

als wodurch
Erinnerung

hiernegst

   

Wesen

   

   

Jacobi

   

getrösten

   

unausnehmlich

unermäßlich

Uber alles aber wird zu einem rechtschaffenen Gesang wahre Andacht erfordert / also / daß ein Sänger auff alle Worte und derselben Verstand wol Achtung gebe / und sein Hertz / Sinn und Gedancken stets gerichtet habe auff GOtt / und auff alle dasjenige / was er mit seinem Munde außsprechen / singen und sagen will. Dann wa   gleich ein Singender in der Zahl der bußfertigen Sünder wäre / wann er gleich den wahren seligmachenden Glauben hätte / also / daß er sonsten gar wol verstünde / [p. xii] was in demjenigen Lied enthalten / welches er singen will / auch alle demselbigen mit hertzlichem Beyfall / ohne allen Zweiffel / zugethan wäre / und sonsten in recht kindlichem Vertrauen auf seinen lieben GOtt stünde ; So würde er da och in seinem Gesang / wa   er es in Unachtsamkeit und mit frembden Gedancken / und also ohne heilige Andacht / verrichten würde / einen grossen Fehler und Sünde begehen / darüber er von Hertzen erschrecken / GOtt demüthig um Verzeihung bitten / und ein andermal fürsichtiger und andächtiger singen soll. Was ist dann wol zu urtheilen von dem unachtsamen Gesang derer / welche noch nicht einmal recht bekehret und gläubig worden sind ? Sollte dasselbe nicht ein greuliches Geplerr vor den Ohren des allerheiligsten GOttes seyn ? Darum erfordert der Apostel Paulus 1. Cor. 14/ 15. daß man die Psalmen und Lieder singe im Geist / und mit dem Sinn / oder / wie er Ephes. 5/ 19. und Col. 3/16. redet / daß man singe uns spiele dem HErrn in seinem Hertzen. Welches nicht also zu verstehen / als solte man nun GOtt in der Versa lung / oder daheim / nicht mit lauter Stimme loben / oder mit andern Instrumentis Musicis ( musicalischen Instrumenten ) : Nein ; sondern St. Pauli Meinung ist / daß es alles fein und andächtig / geistlich / und auß dem Grunde des Hertzens gehen solle / nicht daß es nur ein äußerlicher Schall oder Gepränge seyn soll. Wie der selige Johann Arnd solches erkläret vom Wahren Christenthum II. B. 41. Cap. p.m. 570.

Uber
Verstand

   

   

   

   

   

   

fürsichtiger

Geplerr

Geist, Sinn

   

   

Instrumentis


Gepränge
Arndt

Wann dann ein bußfertiger und glaubiger Christ recht andächtig / und also GOtt-wolgefällig / und ihme selbst erbaulich singen will / so ist anfänglich ein nutzliches Hülffs-Mittel / daß er vor allen Dingen wol bedencke / daß sein Gesang gemeiniglich ein Gebett / oder doch zum wenigsten eine heilige Lehre auß GOttes Wort seye / und also eine solche Andacht von ihme darzu erfordert werde / als ob er sonsten mit einem Gebett vor den Majestätischen GOtt tretten / oder sein heiliges Wort zu seiner Erbauung betrachten wolle. Darum muß er gleich darauff in seinem Hertzen einen ernstlichen Seufftzer zu GOtt thun / um den Geist der Andacht / und also niemalen ganz unbereitet und unbedächtlich ein [p. xiii] geistliches Lied anstimmen / er mag nun in der Kirchen / zu Hauß oder anderswo / in der Einsamkeit / oder in einer Christlichen Gesellschafft / sich befinden. Nachgehends muß der Sänger das vorhabende Lied / wann es ihme gar nicht bekandt ist / ehe er zu singen anfänget / bedächtlich durchlesen / und sich also zum Vorauß den Inhalt desselben ein wenig bekandt machen / als wodurch die Andacht des Hertzens sehr erwecket und vermehret wird. Und wann er dann anfänget zu singen / soll er nicht so wol auff seine Stimme / als auff sein Hertz / nicht so wol auff die anmuthige Melodie und Weise / als auff den herrlichen Inhalt des Liedes / Achtung geben. Wie deßwegen auch der H. Hieronymus diese Vermahnung giebet / daß er sagt : Singe ein solches Lied / in welchem du nicht die Lieblichkeit der Stimme und Weise / sondern die Beschaffenheit des Verstandes beobachten mögest / weil der Apostel spricht : Ich will im Geist und mit dem Sinne singen.

   

   

   

   

um den Geist

   

nachgehends
vorhabende

als wodurch

Inhalt
Hieronymus

dem Sinne

Wann man dann also das Gesang wol angefangen / muß man auch dasselbe recht fortsetzen und außführen. Darum soll inzwischen der Sänger mit dem Singen nicht einhalten / oder mit den Umstehenden etwas anders zu reden sich vornehmen. Dann solches wäre eben so unartig und sündlich / als wann man unter währendem Gebätt zu GOtt sich unterstehen wolte mit jemand zu plaudern. So jemand bey einem vornehmen Menschen wolte eine mündliche Bitte einlegen / oder sonsten einen wolanständigen Vortrag thun / erkühnte sich aber mit einer viel geringern Person unter seiner Rede zu schwätzen / wie übel würde ihme nicht solches auffgenommen werden ? Solte da   GOtt der allerhöchste ein genädiges Wolgefallen an einem Gebett oder Gesang haben kö en / wann man kein Bedenken träget mit jemand unter demselben ein Geplauder anzufangen ? das sey ferne ! Dannenhero bleibe ein Singender in seiner Andacht beständig / und erwege wol alle Worte / die in seinem Gesang vorkommen ; als welches man in dem Singen noch besser / als in dem Betten thun kann / weil man in jenem mehrere Zeit zum Nachdencken gewinnet. Endlich aber halte ein jeder alles / was er singet / gegen sein eigen Hertz / und sehe wol zu / ob er solchen Geist / Sinn und Willen habe / wie seine Worte lauten / oder wie derjenige gehabt / von [p.xiv] welchem diese entlehnet sind ? Und wann es ihme ein hertzlicher Ernst ist GOtt zu loben / so lobe er denselben nicht allein mit Worten / sondern auch mit Wercken / und zeige in der That / daß er GOtt liebe / GOtt ehre / GOtt diene / das Wort GOttes hoch achte / dessen Dräuungen fürchte / und das Böse meide ; Hingegen aber seiner Verheissungen sich getröste / und dem Guten ergeben seye. Dieses hat der H. Augustinus kürtzlich und schön zusammen gefasset / wann er gesagt : Laudate Dominum, cantet vox, cantet vita, cantent facta. d.i. Lobet den HErrn / nicht allein die Stimme / sondern auch das Leben und die Wercke / sollen GOTT lobsingen.

   

   

Gebätt

Vortrag

unter

dannenhero

   

   

   

   

   

   

Augustinus

Durch diese wolgemeinte und gründliche Erinnerung solte dann billich ein jeder / welcher dieselbe lieset oder höret / sich ermuntern lassen zu einem fleissigen ud GOtt-gefälligen Gebrauch der geistlichen Lieder. Es werden wol keine besondere Beweg-Gründe von-nöthen seyn. Dann die Sache selbst mag schon genugsam darzu bewegen. Und niemand kan ja denselben verachten oder unterlassen / der nicht den Befehl des höchsten GOttes / und das Exempel aller wahren Gläubigen im Alten und Neuen Testament / der heiligen Patriarchen / Propheten und Königen / ja Christi unsers HErrn und Heylandes selber / seiner heiligen Apostel / frommen Kirchen-Lehrer / Gemeinden und Angehörigen / ja auch das Exempel der außerwehlten Menschen und der H. Engel in dem Himmel / gering achten / in den Wind schlagen / und folglich sich derselben Gemeinschafft und Glückseligkeit unwürdig und verlustig machen würde. Da ja doch ein jeder Christ höchstens verbunden ist / sich zu befleissigen / den Willen GOttes auff Erden zu vollbringen / gleichwie derselbe im Himmel vollbracht wird.

wohlgemeint

   

   

   

Angehörige

   

   

höchstens

Damit nun an erbaulichen und bequemen Gesang-Büchern auch allhier bey unserer Evangelischen Lutherischen Gemeine gar kein Mangel seyn möge / so ko t dann / durch GOttes Genade / das gegenwärtige Neu-verbesserte / als ein Colmarisches Lutherisches Lob-Opffer (wann es anders auff rechte Art angewendet wird/) an den Tag. Und von diesem kan ich den geliebten Leser mit Warheit versichern / daß so wol der Hr. Verleger / [p. xv] in Verfertigung desselben / keine Sorge / Arbeit und Unkosten / als auch ich / in desselben Einrichtung und Verbesserung keinen Fleiß / Mühe oder Zeit erspahret. Der genaue Augenschein und rechte Gebrauch wird jederman / ohne meine Vorstellung / dessen genugsam überzeugen. Doch damit man wissen möge / was dann vornemlich an diesem Gesangbuch auffs neue verbessert worden / weil es neu-verbessert genennet wird / so will ich / zwar mehr zum Unterricht und Nutzen des gottseligen Lesers und Sängers / als zum Preiß und Vorzug des Buches / noch etwas weniges davon melden. Es wird hoffentlich jederman gerne zugeben / daß dasjenige Gesang-Buch / welches von dem Hrn. Verleger im Jahr 1709. in 12. wie dasselbe durch die mühsame Emsigkeit meines seligen Hrn. Præceptoris und Vorfahren in dem Ampt / ( dessen Gedächtnuß GOTT lasse im Seegen bleiben /) war neu-zugerichtet worden / heraus gekommen / vor vielen andern seinen besondern Ruhm und Preiß verdiene. Nun hat man sich auch grossen Theils in diesem Neu-verbesserten nach jenem gerichtet. Damit man aber wissen möge / worinn beyde von einander neben dem äusserlichen Format / Papyr und Druck / vornemlich unterschieden seyen / und warum man dieses gegenwärtige vor neu-verbessert halte und außgebe / mag folgendes zur beliebigen kurtzen Nachricht dienen.

   

anders

   

   

Augenschein
Vorstellung

   


Vorzug

   

in 12.

   

gekommen

Es sind nemlich in dieses viele erbauliche alte und neue / und zum Theil noch gar unbekante Geist- und Lehr-reiche Lieder eingerucket / hingegen aber andere / damit das Buch nicht allzugroß und unbequem werden möchte / mit besonderm Fleiß außgelassen worden : Doch nur solche / welche man / entweder wegen gar unbekanten Melodien / oder wegen ihrem Inhalt / oder Wortstellung / und dergleichen / den geringsten Nutzen zu haben geglaubet. Wiewol nicht zu leugnen / daß solche Wahl nicht gleich Anfangs vorgenommen worden / und der Schrifft-Setzer mit etlichen wider meinen Sinn verfahren. Damit man aber die neu-eingeruckte Lieder vor andern desto besser erkennen möge / so sind dieselbe sowol an ihrem Ort / ( etliche außgenommen / da es der Setzer versehen /) als auch vornemlich in dem Register / mit dem Merckzeichen † bezeichnet worden. Die außerlesene Lieder auß dem Anhang hat man alle / nicht [p. xvi] ohne viele Mühe / an ihren gehörigen Ort versetzet. Hingegen aber sind die so genandte Gloria / welche nach den Psalmen pflegen gesungen zu werden / um guter Ursach willen / an dem Ende des Gesang-Buches / unmittelbar vor das Register / zusammen gesetzet worden.

   

Fleiß

Wortstellung

   

Setzer

versehen

Anhang

Gloria

Wie sonsten gar viele Lieder zu finden waren ohne Anzeigung der Melodie / nach welcher sie mögen abgesungen werden / also habe [ich] mich / so viel andere Geschäfte mir zugelassen / bemühet / den andächtigen Liebhabern derselben einen angenehmen Dienst zu erweisen / durch Erfindung und Bemeldung der bekandten Melodien / welche dabey können gebrauchet werden. Habe auch offt neben oder an statt der unbekandten / bekandtere angedeutet. Also wird hoffentlich auch vielen / sonderlich alten Leuten / ein Gefallen dadurch geschehen seyn / daß man hier eine weit grössere Anzahl der Lieder / als in dem obgerühmten Buch / insonderheit der vornemsten und gebräuchlichsten / mit der grössern Schrifft gesetzet hat. Wiewol wiederum bey vielen die kleinere mit Fleiß gebrauchet worden / um das Buch desto geschmeidiger zu machen. Und damit auch die Einfältigste in den Melodien und Worten desto besser möchten zu recht kommen / ist man mit sonderbahrer Sorgfalt beflissen gewesen / den Anfang eines jeden Verses oder Reimens mit einem grössern Buchstaben anzuzeigen / solchen aber / wo er nicht nöthig befunden worden/ in andern Wörtern nicht zu gebrauchen. Dargegen aber sind gar viele commata, oder Strichlein / welche sonsten auch zur Anzeigung der Reimen und Erleichterung der Melodie behülfflich seyn solten / offtmahlen aber den Verstand der Worte nur undeutlich machten / mit Fleiß außgelassen worden ; Wie man dann auch durch und durch mit allerley Unterscheidungs-Zeichen eine Verbesserung gesuchet hat. Also kan ich versicheren / daß das Register der Lieder nunmehro um gar viel besser / als vorhin / und als gemeiniglich in den Gesang-Büchern zu finden / eingerichtet seye. Dabey auch hoffentlich den blöden Augen sehr angenehm vorkommen wird / daß man grössere Schrifften und Ziffern darzu gebrauchet hat. Es ist auch ein Register / den Inhalt dieses gantzen Gesang-Buches nach seiner Ordnung kürtzlich vorstellend / dem- [p. xvii] selben / gleich auff diese Vorrede / voran gesetzet / wie auch die Ordnung und der Inhalt des Gebett-Büchleins an dieses Ende angezeiget worden : Weil man verhoffet / daß solches / vornemlich in Hervorsuchung der bey diesem oder jenem Umstand und Angelegenheit verlangten Lieder und Gebetten / grossen Nutzen und Vortheil schaffen werde.

sonsten
ich mich

   

Erfindung

größere Schrift

   

mit Fleiß

   

Buchstaben

   

   

   

   

   

voran

dieses Ende

Eines ist noch wegen diesem neu-verbesserten Gesang-Buch der andächtige und geneigte Leser und Sänger zu erinnern und zu bitten / daß er nemlich die Lieder / wie sie darinn stehen nach ihren Worten / Syllben und Buchstaben / wolle außsprechen und absingen / und wann er bey genauer Einsicht und Auffmercksamkeit etwas wird anders gesetzet finden / als er gewohnt ist zu singen / daß er solches ja nicht alsobald vor einen Fehler/ sondern vielmehr vor eine Verbesserung halten / und sich gerne darnach richten wolle / wo nicht etwa ein offenbahrer Druck-Fehler vorhanden seyn solte. Dann weil ich schon lange Zeit viele nach und nach eingeschlichene Druck- und Singfehler vermercket / hab ich darüber / neben den besten Büchern / so wol die Music oder Sing-Kunst / als auch die Poesie oder Dicht-Kunst / zu Rath gezogen / und dadurch vieles zu verbessern vor nöthig befunden. Dieses ist / insonderheit in den bekantesten und gemeinsten / mit der grössern Schrifft gesetzten Liedern / meistentheils geschehen durch das Merckzeichen (') Apostrophus genannt / als welches andeutet einen mit allem Fleiß außgelassenen Buchstaben / fürnemlich aber das (e) und das (i) / der deßwegen auch in dem singen entweder gar nicht / oder doch nur gar geschwind / ist außzusprechen. Welche einfältige Erinnerung ich um der Einfältigen willen / welche nicht wissen / warum dasselbe Merckzeichen vorkomme / habe thun wollen.

Eines

   

   

   

   

   

   

Apostrophus

Das Gebett-Büchlein betreffend / welches beyzufügen beliebet wurde / ist dasselbe grösten Theils mit gantz andern Gebetten / als das vorige bey dem oben gerühmten Gesang-Buch hatte / versehen worden. Welches aber nicht darum geschehen / als ob man die erstere nicht vor gut genug erkannt hätte / sondern weil man getrachtet allerhand Leuten / welche etwa auch dieses Buch zu andern sich werden anschaffen / auff solche Weise desto mehrere Gebette in ihre Häußer und Hände ( Ach ! GOtt [p. xviii] geb auch in Mund und Hertzen ! ) zu bringen / und zu andächtigem Gebrauch vorzulegen.

Endlich wolle man glauben / wie dann auch der Augenschein und die Erfahrung es lehr   und bekräftigen wird/ daß dises gantze Buch durch und durch vor vielen andern gar wenige Druckfehler habe. Dann daß es gar keine behalten / seye ferne zu bejahen / weilen dasselbe den Augen und Händen fast wolte unmöglich seyn / und ich schon selbsten unterschiedliche ersehen habe. Doch werden es nur solche seyn / welche von den wenigsten werden vermercket werden / und niemand einigen Anstoß können verursachen.

   

Wie nun alle Arbeit an diesem neu-verbessert   Gesang- und Gebett-Buch vornemlich in solcher Absicht ist vorgeno en und verrichtet worden / daß dadurch dem allerheiligsten GOtt und HErrn / als dem allergrösten Wolthäter / das geziemende Lob-Opffer möge gebracht / und gleichwie die Außübung und Vermehung der wahren GOttseligkeit / also auch die Beförderung und Außbreitung des Göttlichen Lobes / erhalten werden / wie auch der Titul anzeiget ; So ist mein auffrichtiger hertzlicher Wunsch / daß eben solche Absicht bey vielen Seelen an vielen Orten / sonderlich aber in unserer lieben Statt Colmar / erreichet werden möge. Und zu diesem meinem Wunsch wolle der grundgütige GOtt / der die Erfüllung desselben am besten geben kan / dessen Genade auch wegen verliehener Hülffe / Beystand und Seegen zu gegenwärtiger Arbeit / hoch gepriesen sey in Ewigkeit /
selber sprechen ein genädiges und kräfftiges
Amen.

      


Colmar, den 29. Junii 1722.
als an dem Gedächtnuß-Tag
der beyden hohen Apostel
Petri und Pauli.

M. Georg Wilhelm
Lichtenberger.
Gymnasii Rector.

   

Einleitung auf Deutsch Introduction en français

   

Lied / Cantique 1